Die Geschichte der Philosophie und der Wissenschaften weist eine auffällige Asymmetrie auf, die sichtbar wird, sobald sich eine Theorie etabliert hat. Im Rückblick werden Vorläufer identifiziert, die die Voraussetzungen für eine wissenschaftliche Revolution bereits gleichsam in Händen hielten, ohne jedoch den entscheidenden Schritt zu vollziehen. Umgekehrt ist eine solche Konstellation selten eindeutig erkennbar; vielmehr ist die Geschichte voller wissenschaftlicher Kontroversen und grundlegender Debatten, deren Ausgang keineswegs erkennen lässt, welche Position sich später durchsetzen wird.
Man denke beispielsweise an Hendrik Antoon Lorentz, der die Transformationsgleichungen entwickelte, die Einstein zur Formulierung der speziellen Relativitätstheorie führten und in der Folge intensive Debatten auslösten. Du Châtelets Überlegungen zu Raum und Zeit weisen auf Kant voraus, und ihr Begriff der lebendigen Kraft wird als Vorläufer von Einsteins Äquivalenz von Masse und Energie angeführt.
Der „linguistic turn“ in der Philosophie, der mit Denkern wie Wittgenstein, Carnap, Ryle und Austin verbunden wird, etablierte sich insbesondere durch Wittgenstein und die analytische Philosophie. Seine wesentlichen Bestimmungen waren jedoch bereits von Fritz Mauthner formuliert und zumindest in Ansätzen von Vorläufern wie Hamann, Jacobi, Gruppe und May Müller erwogen worden.
Mit unserem Projekt möchten wir Beispiele für dieses Paradigma untersuchen und die Gründe für solche Disproportionen analysieren. In diesem Zusammenhang möchten wir der Frage nachgehen, ob sich solche Schnittstellen zwischen Philosophie und den Grundlagen der Wissenschaft zumindest bis zu einem gewissen Grad bewusst gestalten lassen.
Fallstudien, die strukturelle Elemente der Diskursentwicklung identifizieren und Muster erkennen lassen, die Vergleiche zwischen unterschiedlichen Disziplinen oder Theorien ermöglichen, sollen dabei identifiziert werden.
Programm der Tagung:
10:00 Uhr: Begrüßung und Einführung in die Tagung
10:15 – 11:45 Sektion 1
Ruth E. Hagengruber: Émilie Du Châtelets (1706-1749) Kopernikanische Wende
Klaus Prätor: Fritz Mauthners Wende zur Sprache. Zur Paläontologie der analytischen Philosophie
Ulrich Busch: Georg Simmels Geldverständnis und der digitale Euro
11:45 – 12:15Pause
12:15 – 13:30 Sektion 2
Michael Schippan: Der „Telliamed“ (1748) des Benoït de Maillet – ein Vorläufer der neuzeitlichen Geowissenschaften
Christian Henkel: Fundamentality, Simplicity and Mass-Energy. Du Châtelet’s Theoretical Philosophy as an Anticipation of Contemporary Physics
Gisela Boeck: Über die Voraussage des Eka-Silciums und die Entdeckung des Germaniums
13:30 – 14:15 Pause
15:15 – 16:30 Sektion 3
Gerda Haßler: Historische Genese und Verzögerungslogik der Theorie sprachlicher Relativität
Wilfried Baumgarten: Adelbert v. Chamisso und die hawaiianische Grammatik
Andrea Reichenberger: Building Bridges between Philosophy and Modern Physics: Erased Women Thinkers
16:30 – 17:00 Uhr
Abschlussdiskussion mit Informationen zur Publikation und zum Termin der Manuskriptabgabe